In der digitalen Welt heißt es auch nicht mehr „Der Weg ist das Ziel”, sondern „Die Ränder sind die Mitte”.

In einem wundervollen Artikel „Die allgewaltige Ablenkungsmaschine“ , beschreibt Autor Peter Glaser, wie in der digitalen Welt die Orientierung schwer falle – man habe das Gefühl, es ginge nicht mehr nach vorne, sondern überallhin. Es gäbe auch keine Mitte mehr, sondern der Rand komme ins Zentrum. Und die ganze Richtungsverwirrung sei aber trotzdem äußerst lustbetont.

„Twitter ist die erste Zeitung, die nur aus dem Inhaltsverzeichnis besteht – aber was für eins! Augenzeugen, Experten, Bekannte, die auf bemerkenswerte Artikel, Bilder, Videos hinweisen, das alles in einer fließenden Zeitleiste („Timeline”) am Bildschirm, die allerdings trotz Vernetzung und Verlinkung nach wie vor linear abläuft. Bei manchen führen diese neuartigen Vorgänge gelegentlich zu etwas wie einer wütenden Sehnsucht nach Nichtlinearität. Kaum wird in einer der zahllosen individualisierten Dimensionen – oder Schäume aus Interessensblasen –, aus denen Twitter besteht, zu lange über zu deutsche Bundespräsidenten parliert, beschweren sich schon welche, in Syrien würden Menschen sterben, etc. Das leuchtende Schwert der Aufmerksamkeit möge seine Spitze auf das Zentrum des Geschehens richten. Aber es gibt kein Zentrum mehr.

Hauptsache ist, was am Bildschirm zu sehen ist
In der digitalen Welt heißt es auch nicht mehr „Der Weg ist das Ziel”, sondern „Die Ränder sind die Mitte”. Wir lernen eine Sache kennen, wenn wir uns in ihr befinden – wenn wir sie von innen sehen. Heute sammeln wir Informationen nicht nur, sondern hüllen uns in sie ein. Information strahlt immer stärker jenen Anspruch aus, den Religion und Politik seit Jahrhunderten erheben: den der zentralen Wahrheit.“

Sehr schön die Passage:

„Für die einen bedeutet das Serendipisieren unproduktive, vertrödelte Zeit. Für andere ist es  ein Kraftschöpfen. Wenn man ein Haus baut, kann man anhand der verbauten Ziegel die Produktivität messen. Wir leben inzwischen aber in einer Wissensökonomie, in der sich erbrachte Qualität nicht mehr nach Wortanzahl oder Tastaturanschlägen pro Minute messen läßt. Es geht nicht mehr um die Zeit, die für etwas aufgewendet wird, sondern um die Qualität, die erreicht wird.“

Und schließlich:

„Nine to Five war gestern, jetzt ist Immer
Sämtliche Medien, allen voran das Netz, sind inzwischen auf einen Zustand der Ständigkeit ausgerichtet – Permanenz. Der digitale Medienfluß ist dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln. Etwas, das überall und immer da ist. Früher öffnete sich einmal pro Abend mit der Zeit im Bild das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen die Auskunftsströme unausgesetzt und vielarmig. Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz geworden. Ständig geht es vor sich, aktualisiert sich, vibriert vor Mitteilsamkeit. Nine to Five war gestern, jetzt ist Immer.“

Mir gefällt dieser Ton. Jenseits der Betroffenheit, der ängstlichen Warnsignale Überforderter, die uns im Feuilleton oder in Wirtschaftsressorts entgegenschlägt.

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